Ausgespielt Tagung im Berliner Abgeordnetenhaus

Nicht alle Tage wird vor dem Sitzungsaal des Berliner Abgeordnetenhauses Counter Strike gezockt. So bot die dortige Wandelhalle gestern ein recht ungewöhnliches Bild – Pädagogen scharten sich um die Bildschirme der 20 Rechner der Eltern-LAN Initiative und griffen zögerlich zur Maus. Der junge Mann mit dem „Ich spiele Killerspiele“-T-Shirt konnte dort nicht mehr provozieren. Ein Tag mit mehreren Vorträgen, einer Podiumsdiskussion und einigen Workshops lag hinter den Lehrern und Medienpädagogen. Unter dem etwas einfallslosen Titel „Ausgespielt?! Nutzen und Risiken von Computerspielen“ (Programm-PDF) hatte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stitung (FES) am 12. Dezember 2008 eingeladen (UPDATE: Hier finden sich Podcasts der Vorträge und Diskussion.)

Es waren schätzungsweise rund 150 Personen gekommen, die es sich den Vormittag über in den Abgeordnetenstühlen bequem machten. Dem Anschein und den Äußerungen nach, waren es meist Pädagogen, die wohl eher sorgenvoll die Risiken der Computerspiele im Kopf hatten, aber immerhin bereit dazu waren, auf eine Tagung zu kommen, die diesem Medium offenbar auch positive Seiten zugestand. Nach dem üblichen Begrüßungsreden begann der Tag mit einer Einführung von Winfred Kaminski von der FH Köln. Somit war die programmatische Ausrichtung des Tages schon vorgegeben, da Kaminski in Sachen Wirkungs-und Jugend-Computerspielforschung  in etwa den Gegenpol zum Alarmismus des Christian Pfeiffer vom KFN darstellt (siehe auch hier: Müncher Spielekongress: Gipfeltreffen der Spielekiller – golem.de).  Nach Beiträgen zu Wirkungsforschung und Nutzungsverhalten usw. folgte dann noch eine rein mit Männern besetzte Diskussionrunde.

Neben Jörg Tauss aus der BT-Fraktion der SPD, der sich für den Computerspielpreis lobte und gegen die Verbotsanstrengungen von Seiten der Konkurrenz mit dem C polemisierte, durfte Jürgen Hilse von der Obersten Landesjugendbehörde das USK-System anpreisen. Max Fuchs vom Dt. Kulturrat klagte über das Spielsuchtverhalten seines Sohnes, der dann doch Jahrgangsbester wurde. Malte Behrmann, der Vorsitzende des GAME-Entwicklerverbandes, outete sich als ehemaliger FES-Stipendiat und bezeichnete die heutigen Bildungseinrichtungen als „analoge Schulen“. Dazu kam es, als zu Ende Nachfragen des Publikums zugelassen wurden. (Online-)Computerspielsucht wurde schnell Thema an den Saalmikrophonen; weiter die rasante Medienentwicklung, mit der kaum Schritt zu halten sei und eben wie so oft die Klage über die zwar mit Laptops augestatteten Schulen, die aber kein Personal zu deren Betreuung bzw. niemanden mit Kenntnissen darüber sowie eben generell keine Zeit (zur Fortbildung) hätten. Als dann gerade etwas Schwung in die Sache kam, beendete der moderierende taz-Journalist unter leichtem Protest des Publikums aus Zeitgründen die Diskussion.
In dem Zusammenhang: Der gewählte kommende US-Präsident Barrack Obama plant laut diesem Bericht auf eSchool News milliardenschwere Investionen in die Infrastruktur der Schulen als Teil eines Investitionsprogammes: „Wir werden heruntergekommene Schulen reparieren, sie energieeffizienter machen und neue Rechner in die Klassenräume stellen. Wenn wir unseren Kindern helfen wollen in einem Wirtschafssystem des 21. Jahrhunderts zu bestehen, müssen wir sie an Schulen des 21. Jahrhunderts schicken“, sagte Obama in einer Ansprache (via Rich White’s Tweet).

Auf der FES-Tagungen standen nach dem Mittagessen dann sechs Workshops zur Wahl – zu folgenden Themen; Spielesucht, Online Welten, Eltern-Medien-Trainer, Medienbildung, Serious Games. Den Workshop zum sechsten Thema – über die Arbeit von Spielraum – besuchte ich. Dieses an der FH Köln beheimate Projekt wird zu zwei Dritteln von der Spieleindustrie (Nintendo, EA) getragen und arbeitet etwa an oben genannter Eltern-LAN mit. Der Spielraum-Mitarbeiter Horst Pohlmann hielt vor 30 Teilnehmern, die rege nachfragten und mitdiskutieretn, über zwei Stunden einen fundierten kurzweiligen Vortrag über Fortbildungsangebote wie den „Tag der Medienkompetenz“, Unterrichtsmodule z. B. zum Jugendmedienschutz und stellte das  „Basiswissen Computer- und Videospiele“ vor. Bleibt nur noch, auf die reichhaltige Materialsammlung von Spielraum zu verweisen.

2 comments

  1. Ich freue mich, dass es auch konstruktive Diskussionen zum Thema Jugend und Computerspiele möglich ist. Das scheint derzeit bei vielen Politikern leider nur auf eine einseitige Schelte hinauszulaufen, weil man im Irrglauben ist, dass Computerspieler keine Wähler sind. Ich bin 40 jahre alt und spiele seit 1984 am Computer!

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