Xbox Controller Army
Kurz vor Weihnachten 2008 wurde der „Kölner Aufruf gegen Computergewalt“ veröffentlicht, der die dramatisch klingende Frage stellt: „Wie kommt der Krieg in die Köpfe – und in die Herzen?“
Zahlreiche WissenschaftlerInnen, offenbar aus dem Kreis der Friedensbewegung, haben diesen unterzeichnet; vorneweg Maria Mies, eine renommierte Soziologin, Feministin und Globalisierungskritikerin. Neben attac- und SPD-Mitgliedern findet sich auch der umstrittende Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen unter den ErstunterzeichnerInnen.
Der Aufruf hat für einige Resonanz (etwa hier) gesorgt, fällt er doch ein recht pauschales Urteil über Computerspiele und dazugehöriger Industrie im allgemeinen (Protest der Softwarefirma Computec) und er polemisiert gegen ein bestimmtes Lager der bundesdeutschen Medienpädagogen.

Der Aufruf ist insgesamt in empörten, anklagenden Ton verfasst. Nicht dadurch verfehlt er sein Ziel, sondern dadurch, dass die VerfasserInnen nicht in der Lage waren, zu differenzieren. So heißt es dort:

„Der „Spielraum“ unserer Kinder und  Jugendlichen entspricht der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan. Vor genau solchen Zielmonitoren sitzen Panzer-, Flugzeug- und Hubschrauberbesatzungen und schießen wirkliche Menschen einzeln ab – gelernt ist gelernt.“

Den gesamten Text hindurch wird dem Medium Computerspiel an sich der Wert eines Kulturguts abgesprochen und verkannt, dass es andere Genres als die „Killerspiele gibt. Sachliche falsch sind Ausagen wie, dass „Killerspiele“ als erstes vom Militär entwickelt worden seien. Denn populär wurden Egoshooter 1992 mit „Wolvenstein 3D“ der Software-Firma id,  das damals noch in Pseudo-3D den Spieler ein Nazi-Nest im 2.WK ausräuchern ließ.
Weiter bezeichnet der Aufruf manche Medienpädagogen und die Bundeszentrale für politische Bildung als korrupt und als Handlager der Kriegsindustrie; schließlich wird noch der richtige Ansatz in Sachen Medienpädagaogik proklamiert: Kinder und Jugendliche bräuchten „nicht ‚Medienkompetenz‘, sondern eine Medienbildung, die Herzensbildung mit einschließt.“
Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) ärgert sich in einer Replik über die „Neuen Bilderstürmer„. So wird der Seitenhieb gegen das Institut Spielraum der Fachhochschule Köln (teilfinanziert von Electronics Arts und Nintendo) im obrigen Zitat kritisiert; insgesamt wird dem Aufruf  eine „angemessene, seriöse und redliche Argumentationsweise“ abgesprochen; er wird als populistisch bezeichnet; es wird ein „Wissenschaftsstreit“ über die Wirkung von Bildschirmspielen festgestellt und die Verweise auf die Interessen des „militärisch-industriellen Komplexes“ an aktuellen Kriegen als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet. Der Ansatz der GMK in Sachen „entwicklungsförderlichen Medienumgang“ lautet wie folgt:

„Dies geschieht auf verschiedenen Wegen: durch die Vermittlung von Medienkompetenz und Medienbildung an Heranwachsende, das Vermitteln aktiver, kritischer und kreativer Nutzung von Medien, durch die sachlich-gestützte Aufklärung von Eltern und PädagogInnen und die Erinnerung an die Verantwortung sowohl der Erziehungsberechtigten als auch des Medienmarktes.“

Nun, über das Interesse der  Rüstungsindustrie an Krieg- und Friedenseinsätzen sowie Spielen mit militärischer Thematik lässt sich streiten. Doch der Kölner Aufruf verspielt seine Chance, als ernsthafter Debattenbeitrag Annerkung zu finden.  Zu sehr scheint es darum zu gehen, eine bestimmten Schule der Medienpädagogik und Medien-Wirkungsforschung zu verunglimpfen.
Übrigens: Oben stehender Fotoausschnitt zeigt ein offizielles Foto der US-Army von 2007: Der Soldat links steuert mit einem Xbox-360-Controller eine Drohne.

(Nachtrag 21.1.09: In der Tageszeitung Der Westen äußert sich Norbert Neuß von der GMK in einem Interview unter der Überschrift Kölner Aufruf brachte das Fass zum Überlaufen.)

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