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Im Rotterdamer Hafen übt die Feuerwehr ihre Einsätze auch am Computer. Die entsprechende Software erscheint in abgewandelter Form demnächst als Feuerwehr Si­mu­lator auf dem deutschen Markt. Über die immer größer werdende Nische der Se­rious Games, die die Grenze zwischen Aus­bildung und Unterhaltung verwischen.
Kurz vor Mittag setzt der Airbus 340 aus Singapur auf dem Münchener Flughafen auf. Die Heckflosse ziert das Logo der „German Airline“. Ein Fluglotse weist dem Piloten eine Parkposition zu. All das findet auf dem Rech­ner und mit dem Microsoft-Flugsimulator statt – die „German Airline“ ist eine virtuelle Fluggesellschaft; dutzende gibt es davon weltweit. Per Internet verbunden, in internationalen Verbänden organisiert, wird von tausenden Computerspielern weltweit ein Flug­ver­kehr organisiert – inklusive Dienstplänen und Lotsen, die vor dem heimischen Rechner in einem virtuellen Tower sitzen. Hier wird das Spielen im wahrsten Sinne des Wortes ernst genommen und zurecht kann man Flug­simulatoren als die ältesten Serious Ga­mes bezeichnen. Was für die einen zur Aus­bildung für die zivile oder militärische Luft­fahrt gehört, ist für andere ein Hobby.

Beide Bereiche bedient beispielsweise die Firma aerosoft. „Viele unserer Flugsi­mu­la­tions Add-ons werden im professionellen Be­reich eingesetzt“, berichtet Vanessa Hüser. Sie ist bei der Firma aus dem westfälischen Büren für Marketing und Kom­munikation zuständig. „Viele Flugschulen, Universitäten und Institutionen der Luft­fahrt nutzen die Produkte regelmäßig. Eine Reihe unserer Sze­nerien werden von Simulatorherstellern und Rüstungskon­zer­nen im In- und Ausland bereits genutzt.“ Aber auch der Unterhal­tungs­bereich wird von aerosoft bedient: Mit Ergänzungen für be­stehende Flugsi­mula­to­ren und eigenen Flugspielen. Den Bereich „Serious Games“ halte man für „sehr interessant“, so Hüser. Doch gibt Sie zu bedenken: „Games, die 1 zu 1 auch für professionelle An­wendungen nutz­bar sind, gibt es kaum. Daher sehen wir diesen Bereich nicht als Wachs­tumsmarkt, aber als interessante Er­gän­zung in der Ver­marktung von Games oder Teilen daraus.“
Für Spielehersteller ist der Spagat zwischen professioneller Anwendung und En­ter­tain­ment nicht zuletzt wegen technischer Hür­den schwierig. So hat aerosoft Titel wie Bus-Simulatoren oder den U-Bahn Simu­lator im Angebot. Etwa lässt sich am heimischen PC die U-Bahnlinie 7 aus Berlin fahren – gut 30 Kilometer lang, 40 Stationen – alles detailliert nachgebaut. Es liegt auf der Hand, dass ein derart realitätsnaher Titel in der Fahreraus­bil­dung eingesetzt werden könnte. Doch dafür fehlt die entsprechende Hardware. In dem Fall also ein Führerstand, um das Per­sonal in authentischer Umge­bung auszubilden.
Nichtsdestotrotz wurde der U-Bahn Si­mu­lation dieses Jahr im Feld „Corporate Games“ der Preis „Serious Game Award“ ver­liehen. Die Jury zeigte sich „vor allem durch die Komplexität und Detailtreue überzeugt, aufgrund derer das Spiel als Trainings- und Schulungstool eingesetzt werden kann.“ Besagter Preis wurde dieses Jahr das erste Mal verliehen – vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) und Nordmedia in Kooperation mit dem hessischen Wirt­schaftsministerium.
Nordmedia ist die gemeinsame Medien­ge­sellschaft der Bundesländer Niedersachsen und Bremen. Dort hat man es sich zur Auf­gabe gemacht, Serious Games hierzulande einer breiteren Öffentlichkeit und nicht zu­letzt der Wirtschaft bekannt zu machen. Im angelsächsischen Bereich stünde das Thema ja bereits seit Anfang der 2000er auf der Agen­da, meint Konstantin Bruchmüller. Vor allem der Bereich „Corporate“, also Spiele für Wirtschaftsunternehmen besäße ein enormes Potential, betont der Referent für digitale Medien bei Nordmedia. Dieser Sektor sei in seiner Gesamtheit noch nicht umfassend erschlossen. Zuerst müsse man deutlich machen, dass es sich bei besagten Spielen um eine ganz besonderer Form von Weiterbildung handele.
Das Bewusstsein dafür müsse in den Un­ter­nehmen allerdings noch reifen, stellt Romy Höftmann fest. Sie betreut das Netz­werk Serious Games Berlin. Seit 2007 koordiniert es Tagungen, Wettbewerbe und Pro­jekte. Zum Netzwerk gehören Spieleher­steller, medizinische und universitäre Ein­richtungen und etwa die Berliner Feuerwehr. Manche Entwicklungen in Sachen Serious Games geschehen im Verborgenen, so Höft­mann. Da die Produkte für Schulungen in Unternehmen eingesetzt würden, bekäme der normale Verbraucher sie nicht zu Ge­sicht. Dabei würde in großen Unternehmen vermehrt auf Simulationen und spielebasierte Software im Training gesetzt.
Das Netzwerk Serious Games Berlin selbst ar­beite gerade mit einem Berliner Entwick­lerstudio an einer Simulationssoftware für die Schulung von Rettungs- und Sicherheits­kräften, berichtet Höftmann. Das zöge sich allerdings hin, da die Ausarbeitung eines An­forderungskataloges für die Software mit den entsprechenden Institutionen seine Zeit brau­che.
Da ist die niederländische Firma Vstep ei­nige Schritte weiter. Ihre „Rescue Sim“ wird von mehreren Industrie-Feuerwehren im Trai­ning eingesetzt, etwa der Hafenfeuerwehr in Rotterdam. Die Software erlaubt, verschiedene Störfälle zu simulieren und Teams unter Aufsicht eines Trainers per vernetzten Com­putern an ihre Bewältigung zu schicken. Auf Grundlage von Rescue Sim entsteht gerade der „Feuerwehr Simulator 2010.“ Den hat das Softwarehaus astragon bei VStep in Auftrag gegeben; im Februar kommenden Jahres soll er erscheinen.
Begonnen hat es 2005: Damals hatte man bei astragon in Mönchengladbach gedacht: Wenn Flugsimulatoren gut beim Publikum ankommen, warum sollte man es nicht mit einem Schiffssimulator versuchen? Der aus dieser Überlegung hervorgegangene Titel basierte ebenfalls auf einer professionellen Trai­ningssoftware von Vsoft. Laut Presse­spre­cher Felix Buschbaum hat sich der „Schiffs­simulator“ bis dato rund 220.000 Mal verkauft.
Im vergangenen Jahr war es der unerwartete Erfolg des Landwirtschaftssimulators, der astragon vollends vom Genre überzeugte, er­innert sich Buschbaum. Die diesjährige Ver­sion des Titels verkaufte sich im ersten Monat gleich um die 120.000 mal. Mittler­weile hat man mehr als zehn verschiedene Simula­to­ren im Angebot, etwa für Gabel­stapler und die Müllabfuhr. Davon gehen et­wa 30 bis 50.000 Exemplare über den La­dentisch, so Buschbaum.
Um so zügig verschiedene Bereiche abzudecken, entwickeln sechs verschiedene Spiel­studios Simulatoren für astragon. Ähnlich wie die genannte Firma Vstep, haben diese meist schon eine entsprechende Software in ihrem Portfolio. Der „Kran-Simulator“ beispielsweise wurde von der Agentur Stoll von Gatí programmiert. Die hatte 2005 eine Schul­ungssoftware für die Baugeräte Firma Liebherr entwickelt und sie für astragon als Spielversion entwickelt. Sie lässt sich mit zwei Joysticks steuern, um möglichst nah an der realen Kransteuerung zu sein.
Dieser Realismus sei ein großes Kriterium der „99 Prozent männlichen Kundschaft jenseits der Mitte 30“, bemerkt Buschbaum. Die Bedienung dürfe nicht zu kompliziert sein, da es sich keinesfalls um Core-Gamer handele. Dass die Grafik der Simulatoren mit Voll­preistiteln nicht mithalten könne, sei dann auch nebensächlich. Während im deutschsprachigen Raum die Titel erfolgreich liefen, sehe es international bislang nicht so gut aus, räumt Buschbaum ein. Mit Aus­nahme von Japan – dort verkauft sich der Landwirt­schafts­simulator so gut, dass der dortige Pub­lisher gleich mehrere weitere astragon-Spiele lizenzierte.
Der Erfolg dieser Sparte von Serious Ga­mes, die Simulationen und Gameplay verschränken, beruhe nicht zuletzt auf „unerfüllten Männerträumen“, erklärt Busch­baum. Diesem „Kind im Manne,“ das da­mals gerne Feuerwehrmann oder Loko­mo­tiv­­führer geworden wäre. Man könnte auch vom „Modelleisenbahn-Effekt“ sprechen: Ei­­gentlich kauft man es für sein Kind und spielt dann die ganze Zeit selber damit. (lom)
(Zuerst erschienen in International Games Magazine IGM 16/09)

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