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Warum Bertelsmann Lernspielplattform scheiterte und wie sie hätte funktionieren können

Mit millionenschweren Budget versuchte scoyo erfolglos Eltern vom Nutzen seines Nachhilfe-Onlinedienstes zu überzeugen. Im Gespräch  mit Beteiligten und eLearning-Experten über  Konzeptionsfehler und die Mög­lichkeiten, mit Lernspielen im Netz po­sitive Bilanzen zu erreichen.
DISCLAIMER (4.12.09): Auf Bitten des scoyo Pressesprechers wurde eines seiner Zitate aus dem Text entfernt.  Der Sinngehalt des Beitrags wird damit nicht beinträchtigt.
UPDATE (15.12.2009): Bertelsmann verkauft scoyo an SuperRTL – der Sender gehört zu knapp 50 Prozent zu Bertelsmann (mehr Infos hier im Blog).
Die Suche nach dem heiligen Gral des In­ternets geht weiter: Wie verdient man Geld mit Webdiensten? Nutzer des Netzes sind es ge­wohnt, alles für „free“ zu bekommen; auf die Zahlungsbereitschaft von Online-Kun­den zu setzen, gleicht einem Vabanque-Spiel – die kostenlose Konkurrenz ist meist nur einen Klick entfernt. In diese raue Um­geb­ung machte sich vor rund einem Jahr die On­line-Plattform scoyo auf. Sie richtet sich an Schüler und versucht mit Prinzipien des spiel­basierten Lernens (game-based-lear­ning) den Schulstoff der Klassen eins bis sieben zu vermitteln. In „Lernwelten“ werden ani­mierte Comicfilme mit interaktiven Ele­menten gepaart, Fragen zu Fächern wie Mathematik, Biologie oder Englisch behandelt. „Lernen kann viel Spaß machen!“ lautet das Motto – „muss aber auch bezahlt werden“, ließe sich still ergänzen: Im Frühjahr 2009 führte das werbefreie scoyo nach der kostenlosen Betaphase ein Bezahlmodell ein. Je nach Laufzeit des Abos fallen zwischen zehn und zwanzig Euro im Monat für „Lern­pakete“ an. Die Hoffnung war, damit einen Fuß in den so genannten Nachmittagsmarkt zu bekommen – eine Milliarde Euro, so die Schätzungen, werden in Deutschland jährlich für Nachhilfe ausgegeben.

Doch waren anscheinend bislang nicht all zu viele Eltern bereit, ihren Kindern scoyo-Pa­kete zu kaufen. Der Medienkonzern Bertels­mann, der das Startup bislang finanzierte, kün­digte exakt ein Jahr nach dem Start an, es wieder loswerden zu wollen. Der Riese aus Gütersloh ist auf Konsolidierungskurs; er hat eine milliardenschwere Schuldenlast. Dazu kam der Tod des Firmenpatriarchen Rein­hard Mohn vor einigen Monaten. Und schließ­lich macht dem Unternehmen die an­haltende Erschütterungen des klassischen Me­dienmarktes durch das Internet zu schaffen. Beim Reinemachen in den Bilanz­bü­chern erwischte es scoyo; Ende Oktober wurde den etwa 40 Mitarbeitern mitgeteilt, dass  „kurzfristig“ ein neuer Investor gesucht werde. Eine „harte Deadline“ habe man allerdings nicht gesetzt, berichtet Tobias Riepe, einer der Bertelsmann-Pressesprecher. Dass nach nur einem Jahr Betrieb – zumindest seitens des Konzerns – Schluss sei, erklärt Riepe mit der „Natur eines Startups“; die Zie­le, die man gesetzt habe, seien eben nicht erreicht worden. Das Ende von scoyo bedeute indes keinesfalls, dass Bertelsmann nicht weiter am „Megatrend Bildung“ interessiert sei, so Riepe – scoyo sei ja auch nie Teil der eigenen „Education-Strategie“ gewesen, sondern Teil der „Innovation-Strategie“. Dass die Platt­form etwas mit Lernen zu tun hat, sei „quasi ein Zufall“ gewesen. Warum die Be­reiche Bildung und Innovation im Hause Ber­telsmann getrennt voneinander betrieben werden, muss wohl Geschäftsgeheimnis sein. Jedenfalls gehen Beobachter der eLearning-Branche davon aus, dass das Unternehmen seit 2007 eine zweistellige Millionensumme in die Gründung von scoyo gesteckt hat.
Das Vorhaben stand offenbar von Anfang an unter keinem guten Stern. So jedenfalls die Einschätzung eines an der Entwicklung be­teiligten Projektmitarbeiters gegenüber IGM – namentlich möchte er ungenannt bleiben. Seinen Aussagen zufolge wurden für scoyo mehrere externe Unternehmen und Frei­berufler beauftragt, Konzepte und In­halte zuzuliefern. Allein die passende Dar­stellungsform für die didaktische Konzeption zu finden, habe wesentlich länger gedauert, als anvisiert. Um die Umsetzung dann schließ­lich hinzubekommen, sei ein Teil der Produktion nach Asien ausgelagert worden. Der eigentliche Start der Plattform habe um fast ein halbes Jahr nach hinten verschoben werden müssen. Besagter Beteiligter meint, dass das Problem aber letztlich an einer anderen Stelle läge. So hätte man vor allem die Nach­hilfelehrer an Bord holen und ihnen einen kostenloses Zugang gewähren müssen – und sie somit als Multiplikatoren für die Plattform einbinden können. Auf diesem Wege wäre es sicherlich auch einfacherer ge­wesen, Eltern vom Sinn der neuen Lern­me­thode zu überzeugen. Stattdessen versuchte scoyo aber massiv in den Nachhilfemarkt einzudringen und drohte letztlich damit, einen Teil der Nachhilfelehrer arbeitslos zu machen.
Trotz aller Schwierigkeiten gibt man sich im Hause scoyo zuversichtlich, dass sich ein neuer Investor finden lässt. Presse­spre­cher Sachar Kriwoj versichert, dass der Regelbetrieb scoyos aufrecht erhalten blei­be. Allerdings habe man die Weiterent­wicklung der US-Version auf Eis gelegt – dort läuft seit Oktober eine kostenfreie Beta­version der Lernplattform. Nutzerzahlen der deutschen Website wollte Kriwoj nicht nennen; nach Analyse der Nachrichtenplattform carta.info kamen aber die meisten Besucher des Dienstes wohl aus Hamburg und Güters­loh – den Firmensitzen von scoyo und Ber­tels­mann.
Als Ausdruck eines „altes Kom­muni­kationsverhaltens“ betrachtet Anja C. Wagner, eLearning Beraterin und Dozentin an der Berliner Hochschule für technische Wis­senschaften, das ganze scoyo-Projekt. Sie sieht „grundsätzliche massive Fehler“ in der Herangehensweise: Ein klassisches Web 2.0-Startup fange ganz unten an, trete in den Austausch mit der Zielgruppe und baue sein Angebot nach und nach aus. Wagner erinnert sich daran, dass scoyo in den letzten beiden Jahren versuchte habe, sich im Bereich Online-Lernen einen Namen zu machen; auf relevanten Veranstaltungen der Szene selbst, etwa dem EduCamp 2008, war aber kein Ver­treter des Unternehmens anwesend. Ein derartiges Verhalten kritisiert die Dozentin als „Ins­trumentalisierung des Web 2.0“ ohne selber etwas einzubringen. Als Rat gibt sie mit auf den Weg: „In Netz hineingehen und nicht versuchen, die Leute einzig auf die eigene Web­site zu locken.“
Markus Witte betrachtet den Fall scoyo von einer anderen Warte aus. Er ist Ge­schäfts­­führer und Mitgründer der Berliner Fir­ma „Lesson Nine“. Ausgestattet mit Ven­ture Capital der Web.de-Gründer startete er mit seinen Partnern Anfang 2008 die Platt­form babbel.com. „Spielerisch“ soll man dort Sprachen lernen können – mittlerweile habe der Dienst weltweit über 500.000 Nutzer.  Das Problem bei scoyo sei weder der Kosten­punkt noch der spielerische Ansatz gewesen, so Witte. Einmal mache es das föderale Bil­dungssystem schwer, auf Schüler ausgerichtete Bildungsinhalte anzubieten. Und nicht zu unterschätzen sei im Falle von scoyo die Dis­krepanz zwischen Kunden – den Eltern – und den Nutzern – deren Kindern. Auch eine massive Werbekampagne, unter anderem per Postwurfsendungen und Fernsehwerbung – habe Erwachsene offenbar nicht überzeugen können.
Den genau anderen Weg hat man bei Panfu bestritten. Die Lernspiel-Plattform für Kinder und Jugendliche zwischen 6-14 Jah­ren entstand 2007. Sie bietet werbefrei so­wohl kostenlose Nutzung und Premium-Con­tent an, der je nach Abo zwischen vier und zehn Euro kostet. Seit Anfang des Jahres schreibt das Startup schwarze Zahlen. Das dürfte die Investoren, unter anderem eine Holtzbrinck-Tochter, freuen. Moritz Hohl, einer der beiden Gründer, betont, dass man ausdrücklich die Kinder zuerst anspräche. Bei­spielsweise mit Werbung auf kinderspezifischen Websites und TV-Spots auf Super­RTL. Für die Eltern sei ein derartiges Web­an­ge­bot möglicherweise zu kompliziert, erklärt Hohl. Wenn die Eltern aber sähen, dass ihr Sprössling den Dienst tatsächlich nutzte, sei­en sie eher bereit, für zusätzliche Inhalte auch Geld auszugeben. In Sachen scoyo merkt Hohl an, dass zentraler Fehler gewesen sei, die grundlegenden Vorteile des Internets nicht zu nutzen. Ein wichtiger Faktor für die Kinder beim eigenen Dienst Panfu sei die Möglichkeit, vernetzt zusammen spielen und kommunizieren zu können – das biete das Bertelsmann Projekt nicht.
scoyo hat gezeigt, dass mit einem Konzept, das letztlich den Multimedia-CD-ROMs der 90-er Jahre gleicht, heutzutage kein Gewinn mehr zu machen ist. Fraglich ist auch, ob Schü­ler nach einem langen Schultag ihre Zeit mit einem Onlinedienst verbringen wollen, der die Betonung mehr auf das Lernen als auf das Spie­len legt. Ganz abgesehen von der Frage, ob El­tern dafür zu begeistern sind, ihre Kinder noch mehr Zeit vor einem Bildschirm verbringen zu lassen. (lom)
Zuerst erschienen in: International Games Magazine 18/09 (IGM)

5 comments

  1. Schönen guten Tag.
    Ja, ich denke auch, dass es ein Fehler von Bertelsmann ist, nach nur einem Jahr scoyo abstoßen zu wollen. Im Web braucht man manchmal auch einen etwas längeren Atem, wenn man erfolgreich sein möchte. Macht YouTube eigentlich schon Gewinn?
    Und es sei auch nur darauf hingewiesen, dass scoyo noch nicht gescheitert ist. Der Betrieb geht doch weiter. Dass Investoren kommen und gehen ist doch im Web-2.0 auch eher die Regel als die Ausnahme.
    Allerdings finde ich persönlich es sehr schade, dass scoyo jetzt so in Grund und Boden geschrieben wird und dass jetzt wieder einmal alle (vermeintlich) schlauer sind:
    Frau Wagner hat ja wirklich eine fundierte Meinung zu scoyo, die darauf beruht, dass scoyo nicht in der Web-2.0-Community verankert ist.
    Dazu zitiere ich mal aus
    http://gophi.wordpress.com/2008/10/13/social-learning-summit-08-keynote-%E2%80%9Ezukunft-bildung-in-der-digitalen-erlebnisgesellschaft%E2%80%9C/
    „Glücklicherweise stehen überall die freundlichen Frauen und Herren von der scoyo, die den Gast freundlich in den gewünschten Bereich leiten.“ Das klingt für mich nicht so, als wäre niemand von scoyo da gewesen.
    Man hätte auch mal in den scoyo-Blog sehen können, wo die mit „educamp“ getaggten Artikel (http://blog.scoyo.de/tag/educamp/) bestimmt auch nichts mit dem Educamp zu tun hatten. Oder?
    Zu den Anmerkungen von Herrn Hohl in Bezug auf Communities zitiere ich noch mal aus dem Scoyo-Blog: http://blog.scoyo.de/2009/06/jugendschutz-selbstdarstellung-von-kindern-und-jugendlichen-im-web-20-wie-kann-eine-effektive-regulierung-aussehen/#more-1597
    Damit genug für heute, ich würde aber von den Experten (oder dem Autor) eine etwas sorgfältigere Recherche wünschen.
    Mit den besten Grüßen
    Chris

  2. Hallo Chris, Danke für den Kommentar.
    Der Social Learning Summit hat ersteinmal nichts mit dem educamp zu tun – (so viel zum Thema Recherche : http://educamp.mixxt.de/). Der SSL war von scoyo mitorganisiert. Dafür das Tag „educamp“ zu nutzen, meint genau die Instrumentalisierung des Web 2.0 – so trat man 2008 in Berlin als Sponsor des Educamps auf, aber von der Firma selbst war offenbar niemand da.
    Ein Link ist kein Zitat – was ist den gemeint in „Bezug auf Communities“?
    Lorenz

  3. Hallo,
    danke für die Antwort. Kurz zur Klarstellung: Dass der SLS nichts mit dem educamp zu tun hat ist für mich als Aussenstehenden schwer nachzuvollziehen. Ich war selbst weder bei dem einen, noch bei dem anderen, sondern nur beim barcamp’08, bei dem auch scoyo vertreten war (http://www.heise.de/newsticker/meldung/Microblogging-auf-dem-Barcamp-Berlin-212221.html).
    Die Differenzierung zwischen educamp und SLS fiel offensichtlich nicht nur scoyo und mir schwer, sondern auch dem grellblog, der auch beide Veranstaltungen in einen gemeinsamen Kontext stellt resp. den SLS als Teil des Educamps (http://www.uni-potsdam.de/db/grellblog/?p=42).
    Korrekt, ein Link ist kein Zitat. Was ich damit meinte ist die Auseinandersetzung, die es ganz offensichtlich bei scoyo mit dem Thema Communities gab. Hier entschuldige ich mich für meine ungeschickte Wortwahl mit dem zitieren. Aber von meinem Kind möchte ich auch keine x-beliebigen Bilder in irgendwelchen Portalen sehen. Nicht auf Facebook, nicht auf scoyo, und auch nicht bei Panfu. Auch wenn das möglicherweise andere Kinder (und auch andere Eltern) anders sehen. Insofern mag das ein Web-2.0-untypischer Ansatz sein, ich finde ihn jedoch für Kinder (entsprechend unserer Ausbildung mangelnde Medienkompetenz und mangelndes Problembewusstsein vorausgesetzt) durchaus begrüßenswert.
    Schöne Grüße
    Chris

  4. Viele gute Gründe für das Scheitern sind in der Analyse aufgeführt. Es fehlt ein entscheidender: Die „Lehrstrategie“. Das gute an echten Nachhilfelehrern ist nämlich, dass sie echte Menschen sind, die sich auf die einzelnen Schüler als Personen einlassen, gut kommunizieren und – ob sie es merken oder nicht – anderen „Unterricht“ machen als der in der Schule. Die Defizite der Schule werden dadurch ausgeglichen (und dadurch können die Schüler ihrerseits ihre „Defizite“ abbauen). Scoyo konnte das nicht, denn es hat im Wesentlichen Training und Lehrgang als Unterrichtsmethode (wie in der Schule) beibehalten und ersetzt notwendige persönliche situativ angepasste Kommunikation durch Pseudokommunikation. Dass das die Schüler nicht mögen, auch wenn es mit Spielelementen daherkommt, weiß man schon seit den Lernsoftwareversuchen à la Adi aus den 90er Jahren.

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