Interview mit Maruti Shanker (Bild), Chef der Spielefirma 7Seas Technologies über die Zukunft von Computerspielen in Indien
Ende 2005 gründete der Betriebswirt Ma­ruti Shanker die Firma 7Seas Technologies in Hyderabad. Nach­­dem die meisten Investoren abwinkten, sprang ein Freund in die Bresche und stellte das Gründungskapital zur Verfügung. Nach fünf Jahren hat die Firma rund 100 Ange­stellte, Tendenz steigend. (Siehe auch Artikel über Gaming in Indien hier im Blog).
Herr Shanker, wie schätzen Sie den indische Spielemarkt derzeit ein?
Maruti Shanker: Die indische Spielein­dus­trie hat gerade erst begonnen zu wachsen. Die Leute müssen erst lernen zu spielen. Im Be­reich der flashbasierten Onlinespiele geht es am schnellsten, weil sie meistens kostenlos sind. So ist es einfach, den Leuten zu vermitteln, dass unsere Industrie fürs Spaß haben da ist. Dieses Bewusstsein muss erst einmal ge­schaffen werden. Den meisten Indern waren Computerspiele bis vor fünf bis sechs Jahren unbekannt.

Was ist in diesem Zeitraum denn geschehen?
Maruti Shanker: In den letzten Jahren ging es indischen Eltern vor allem um den Wis­sens­er­werb. Sie sagten ihren Kindern: „Du musst studieren, werde Arzt oder Ingenieur.“ Ga­ming hatte keine Priorität, es ging zu allererst um die Ausbildung. Das ändert sich nun langsam; Spaß und Entertainment werden wichtiger im Familienzusammenhang. Dieser Wan­del geschieht allerdings nicht an einem Tag.
Wie drückt sich dieser sich abzeichnende Wandel aus?
Maruti Shanker: In Indien weiß man nie, wann die Blase platzt. Im Bereich der Mobil­telefone hat beispielsweise niemand mit so ei­ner rasanten Ausbreitung gerechnet. Vor zehn Jahren wussten wir nicht einmal genau, was ein Mobiltelefon ist. Jetzt gibt es über 500 Mil­lionen Handys in Indien. Zielgruppe in diesem Segment sind unsere Teenager. Sie wechseln häufig ihr Gerät, alle sechs bis zwölf Mo­nate. Die neuesten Handys sind immer in den Händen von Teeangern, es ist sehr wichtig für sie. Und auf den neueren Geräten laufen Spie­le mit 3D-Grafik.
Was werden denn zur Zeit für Spiele gespielt?
Maruti Shanker: Inder sind primär Casual Gamer. Wenn man sie fragt, ob sie schon einmal ein Spelel gespielt haben, sagen 80 Pro­zent von ihnen: „Ja, ich habe Solitair gespielt“. An­sonsten wird gerade bei den On­linegames Ab­wechslung gewünscht. Gut kommen beispielsweise „situation based ga­mes“ an, also Spiele, die sich auf das aktuelle Zeitgeschehen beziehen. Wir brachten etwa ein Spiel zur US-Prä­si­dentschaftswahl und den indischen Par­la­ments­wahlen auf den Markt. Auch zur Schwei­ne­grippe hatten wir einen Titel im An­gebot sowie traditionell zu religiösen Feier­ta­gen.
Und wie wird sich Gaming in Indien weiterentwickeln?
Maruti Shanker: Einmal nimmt Online-Werbung, mit denen wir Geld auf unseren Spielportalen verdienen, an Fahrt auf. In­game-advertising ist keine Unbekannte mehr. Zu­dem ist zu erwarten, dass sich die Ver­breitung von privaten Internetanschlüssen drastisch aus­weiten wird. Circa 60 Prozent der Inder haben einen PC zuhause, oft ein recht altes Gerät. Zwar ist nicht damit zu rechnen, dass in absehbarer Zeit ein stetiges Aufrüsten stattfinden wird – dennoch werden PC-Spiele in In­dien immer mehr Anklang finden. Nicht zu­letzt deswegen haben wir vor kurzem ein PC-Rennspiel herausgebracht. Wir wollen auch für Konsolen entwickeln. In zwei bis drei Jah­ren wird es in diesen beiden Bereichen richtig losgehen.
Und werden dann auch mehr Spiele in Indien selbst produziert werden?
Maruti Shanker: Davon ist auszugehen. Die Gaming- und Animationsindustrie wird der nächste große Schritt in Indien werden. Allein hier in Hyderabad bilden jetzt schon dutzende Schulungszentren in diesen Ge­bie­ten aus. Von dort kommen auch die meisten unserer Mitarbeiter. Die Gamesindustrie ist ein lukrativer Wirschaftszweig und wird für immer mehr Inder ein attraktives Betäti­gungs­­feld werden.

Interview: Lorenz Matzat – erschienen in International Games Magazine (06/10) Link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.