Ortsbezogene Online-Dienste ersetzen per Smartphone mehr und mehr klassische Medienformate wie Inseratsblätter, Branchenbücher und Reiseführer. Zudem ermöglicht eine neue Generation solcher Dienste im Nahraum – ganz gleich ob in der Familie, im Verein oder der Kommune – Kommunikation, die in dieser Form zuvor unmöglich war. Bislang fehlen aber noch überzeugende Konzepte für mobile Werbeformen, und nicht zuletzt spielt der Datenschutz eine Rolle.
Es wurde zur Zeitung gegriffen: Was passierte im Verein um die Ecke, was geschah in der Lokalpolitik, was gab es für Angebote in der Region, was lief im Kino? Bis vor 15 Jahren war der wichtigste Träger von lokalen Informationen in der Regel die Tageszeitung. Dazu gesellten sich außer TV und Radio Wochen- und Anzeigenblätter, Gelbe Seiten, Stadtmagazine sowie für Touristen Reiseführer. So war die Ordnung bevor Location-based Services (LBS) – also ortsbezogene Dienste – digital wurden. Im Vergleich zu dem, was heute mobile Geräte an genauer Standortbestimmung ermöglichen, sind Zeitungen, Radio- und Fernsehsender in Bezug auf die Nähe zum Nutzer recht grob. Ein Smartphone dagegen kann per GPS, WLAN oder Mobilfunkverbindung mindestens auf einige Dutzend Meter genau die Position bestimmen – und aus Datenbanken individuelle Information liefern.
Location-based Services sind alle Dienste, die die individuelle Position des Empfängers berücksichtigen können und ihr besondere Bedeutung beimessen. Nutzen lassen sich diese Dienste entweder stationär, also am heimischen Laptop oder dem PC im Büro, oder – und das macht sie besonders wertvoll –, wenn der Nutzer mit einem mobilen Gerät (Smartphone, Tablet-PC etc.) unterwegs ist.
Zwei Beispiele aus Deutschland: Als eines der ältesten LBS-Portale hierzulande kann Qype gelten. Die Online-Community startete 2006 als Bewertungswebsite für Restaurants, später kam eine mobile App hinzu. Inzwischen können Nutzer so gastronomische Betriebe oder anderen Orte bewerten, woraus der App-Anbieter eine Gesamtbewertung erstellt. 2012 wurde das Start-up-Unternehmen vom US-Marktführer Yelp gekauft. Konkurrent in diesem Bereich ist beispielsweise die Plattform Foursquare, die das Prinzip des Check-ins einführte, eine Art virtuelle Anmeldung an einem bestimmten Ort.
Für eine neue LBS-Generation steht die 2010 gestartete mobile App myTaxi. Sie vermittelt per Touchscreen-Knopfdruck ein Taxi zum Standort des Users und meldet in Echtzeit die Anfahrt des Fahrzeuges. Eine klassische Taxizentrale ist nicht mehr notwendig. Kein Wunder, dass Taxifirmen wenig amüsiert darüber waren, als außer der Deutschen Telekom Anfang 2012 auch die Daimler AG in das Hamburger Start-up investierte. Mittlerweile hat die Taxi-Branche allerdings ähnliche Apps auf den Markt gebracht. Selbstverständliche sind im Bereich LBS auch die großen Player unterwegs: neben Google und Apple auch Facebook und Twitter.
Zwei Formen von LBS
Derzeit lassen sich zwei Arten von LBS unterscheiden: lokale Informationsdienste und intelligente Services, die den Charakter des Universalwerkzeugs Smartphone voll ausschöpfen. Informationsdienste geben Auskunft über Zusammenhänge und Dienstleistungen an einem bestimmten Ort. Sie übernehmen die Funktionen klassischer Angebote wie Zeitungen (und deren Anzeigenteile), Terminkalender, Stadtführer, Inseratsblätter, Fahrpläne, Stadt- und Landkarten, Branchenbücher usw. Intelligente Apps wie myTaxi bieten einen personalisierbaren Informationsaustausch, zu dem zuvor kein (analoger) Intermediär in der Lage war. Eine zusätzliche Dimension kommt durch soziale Online-Netzwerke ins Spiel: LBS helfen sozialen Gruppen, sich zu organisieren. So gibt es spezialisierte Apps, über die Familien ständig erfahren können, wo sich die übrigen Familienmitglieder aufhalten.
Local-based Services können auch im Bereich Gesellschaft und Politik neue Spielräume eröffnen. Dabei spielt zunehmend das mobile Internet eine Rolle. In Brandenburg etwa nehmen zahlreiche Kommunen am Programm „Maerker Brandenburg“ (maerker.brandenburg.de) teil. In dessen Rahmen können Bürger am heimischen Rechner oder per App Anliegen inklusive Foto melden: Kaputte Straßenlaternen, Müllabladungen am Straßenrand oder Schlaglöcher. Die teilnehmenden Gemeinden leiten die Meldungen direkt an die zuständigen Verwaltungseinheiten weiter, die verpflichtet sind, innerhalb weniger Tage Rückmeldung zu geben, wie auf das jeweilige Problem reagiert wird. Solche Projekte tragen zu offenem Verwaltungshandeln (Open Government) bei, schaffen Transparenz, ermöglichen den Dialog und eröffnen Partizipationschancen.
Bislang gingen in Brandenburg etwa 15.000 Bürger-Hinweise ein. Vorbild für das Konzept ist das Angebot FixMyStreet.com in Großbritannien. Es wurde von einer nichtstaatlichen Einrichtung entwickelt, die auf sogenannte Civic Apps spezialisiert ist. Mit einem ähnlichen Ziel hat der deutsche Zweig der Open Knowledge Foundation den Wettbewerb „Stadt Land Code“ initiiert. Einer der drei Gewinner wertet automatisiert Verwaltungsinformationen aus, um geplante Bauvorhaben in Berlin zu kartieren. Bei dem Projekt mit dem Titel „Bürger baut Stadt“ handelt es sich zwar nicht unmittelbar um einen Location-based Service. Allerdings ließe sich auf den hyperlokalen Dienst leicht ein LBS-Projekt aufsetzen.
Chancen für Lokalzeitungen
Der lang ersehnte Durchbruch der Hyperlokalität lässt noch auf sich warten. Das Prinzip geht davon aus, dass datenbankbasiert und per Internet detaillierte Informationen zu einer kleinen räumlichen Einheit – Stadtviertel, Häuserblock oder Straßenzug – ausgewertet und veröffentlicht werden können. Doch bislang hat kein hyperlokaler Blog wirklich die Nachfolge einer Lokalzeitung angetreten. Auch darf als Rückschlag gelten, dass im Frühjahr die hochgelobte Website Everyblock – 2008 in Chicago als eine Art Nachbarschafts-Blog gestartet – eingestellt wurde. Als Grund nannte der US-Medienkonzern NBC, der das Start-up 2009 gekauft hatte, schlicht fehlende Profitaussichten.
In Deutschland hat der Tagesspiegel in Berlin vor gut einem Jahr das hyperlokale Stadtteilportal Qiez.de gestartet, über dessen Erfolg bislang wenig zu hören ist. Das Angebot bietet allerdings keine mobile Variante an. Auch das Potential des aufwendig erstellten Straßenverzeichnisses des Hamburger Abendblattes wird mobil nicht extra ausgeschöpft. Dabei könnten Location-based Services für Lokal- und Regionalzeitungen der Weg sein, an alte Zeiten anzuknüpfen, in denen sie mit ihrem lokalen Experten-Status nahezu konkurrenzlos waren. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden: In der Regel liegen beispielsweise (Foto-)Archive, Artikeldatenbanken und Branchenverzeichnisse vor. Allerdings müssen diese Datenschätze aufbereitet und mit detaillierten Ortsinformationen versehen werden. Werden Veranstaltungskalender, Informationen über die Müllabfuhr und Öffnungszeiten von Behörden hinzugefügt, müssten Medienhäuser lokale Inhalte nur noch über ein Interface zugänglich machen. Mit den mobilen Endgeräten steht für solche LBS-Modelle ein perfektes Ökosystem bereit.
Knackpunkt ist und bleibt aber das Erlösmodell. Denn noch wird er gesucht, der heilige Gral der mobilen Werbung. Dabei sind in der Theorie vielversprechende Konzepte denkbar: Per Tracking, also dem Verfolgen einer Datenspur von Nutzern, lässt sich feststellen, wo der potentielle Kunde schon gewesen ist bzw. woher er kommt. So könnten ihm beispielsweise per Targeting passgenau vor dem Schaufenster eines Geschäftes individuelle Angebote auf das Handy-Display geliefert werden. Zurzeit wird vermehrt daran gearbeitet, auch innerhalb von Gebäuden (z. B. Shoppingcenter) möglichst genau Smartphones orten zu können.
Was passiert mit den Daten?
Die Herausforderung besteht darin, Online-Werbung so zu platzieren, dass sie nicht als aufdringlich oder als Resultat heimlicher „Datenspionage“ empfunden wird. Targeting-Konzepte können allzu schnell Datenschutzvorschriften verletzen, wenn neugierige LBS-Algorithmen umfangreichen Datenspuren zur Erstellung von Bewegungsprofilen sammeln. So könnten Nutzer die Hoheit über ihre Daten verlieren, die – wenn auch anonymisiert – auf fremden Servern gespeichert werden und sich manchmal sogar „de-anonymisieren“ lassen.
Datenschützer haben beispielsweise Vorbehalte gegenüber der Datenbrille Google Glass, die im kommenden Jahr marktreif sein soll. Sie projiziert über eine am Brillengestell befestigte Linse Informationen auf die Netzhaut. Die Steuerung erfolgt per Sprachbefehl, Gesten oder Berührung eines Touchpad, das in Höhe der Schläfen angebracht ist. Google Glass funktioniert per WLAN, verfügt über eine Kamers, eine Art Kopfhörer und GPS. Vor allem die Kamera sorgt für Datenschutzprobleme, weil unbemerktes Fotografieren oder Filmen noch einfacher wird.
Google Glass könnte der seit Jahren beschworenen Idee einer Augmented Reality zum Durchbruch verhelfen. In der Praxis hat sich die virtuell erweiterte Realität, bei der Informationen über die unmittelbare Umgebung auf Smartphone-Displays erscheinen, bislang kaum alltagstauglich umsetzen lassen. Letztlich ist kaum vorhersagbar, wohin die LBS-Reise geht. Die Innovationstaktung im IT-Bereich ist enorm hoch. Mit welchen Geräten wir auch immer in fünf Jahren Location-based Services in Anspruch nehmen werden: Weil immer mehr Geräte und Sensoren mit dem Internet verbunden sind, werden sie wesentlich mehr über ihre Umgebung und uns „wissen“ als derzeit schon.

Erschienen in TENDENZ 2/13 (Bayerische Landeszentrale für Neue Medien)

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