Dieser Tage ist die Lokalpresse in Berlin voll von Texten über die Dealer im Görlitzer Park. Von denen fühlen sich Teile der Anwohner beeinträchtigt. Ich lebe selber an diesem Park in Kreuzberg, den ich oft besuche oder durchquere. Was nicht zu bestreiten ist, dass es eine Zunahme an Leuten gibt, die dort dealen. Ein guten Eindruck der Situation vermittelte jüngst Aleksandar Zivanovic in einer Reportage für die Berliner Zeitung.
Für die Zunahme der Dealer gibt es einen simplen Grund: In den letzten Jahren ist es im Görlitzer Park enorm voll geworden. An Sommertagen wie derzeit, ist der Park am frühen Abend gefüllt wie ein gut besuchtes Freibad: Viele hundert Menschen verteilen sich über die Rasenflächen und finden sich in den angrenzend Gastronomiebetrieben ein. Allein statistisch musste die Nachfrage nach Drogen schon steigen; ein Teil des Publikums des Parks/ der Gegend dürfte dazu als gesteigert drogenaffin gelten.
Ergo kommen auch mehr Händler. 
Jetzt greift die neue Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) den Vorschlag ihres Vorgängers Schulz auf. Geprüft werden solle, ob ein Coffeeshop, ähnlich dem Modell in den Niederlande, eröffnet werden könnte, um die Lage zu entlasten. Es ist eine bedenkenswerte Idee, die allerdings so nicht funktionieren kann. Nehmen wir das Unwahrscheinliche an: Die gesetzlichen Hürden wären zu nehmen und ein Modellversuch wäre bis kommenden Sommer umsetzbar. Erster Effekt wäre, dass die meisten Dealer ihren Job los wären; viele von ihnen sind wohl Flüchtlinge und dürfen faktisch nicht legal arbeiten (siehe die Kofferträger von Schwäbisch Gmünd).
Sie dürften also nicht einmal in dem Cannabis-Supermarkt, den es mindestens bräuchte, die Regale befüllen. Wenn es stimmt, dass derzeit zeitweise 60 bis 100 Dealer im Park unterwegs sind (schrieb der Spiegel im Frühjahr mit Berufung auf die Polizei) und mal angenommen jeder von denen verkauft an drei Personen jeweils ein Gramm Grass/ Haschisch (andere illegalisierte Drogen lassen wir mal außen vor.) Das würde eine gehandelte Menge von 180 bis 300 Gramm am Tag bedeuten.
Es bräuchte also einen Laden, der in Stoßzeiten einige dutzend Kunden pro Stunde versorgen können müsste. Notwendig wäre bei manchen Kunden die Überprüfung eines Altersnachweises, was Mehraufwand bedeuten würde. Denn von einer Abgabe erst ab 18 Jahren dürfte auszugehen sein.
Wahrscheinlich wäre zudem, dass der einzige legale Coffeeshop eine Menge Kiffer aus anderen Teilen der Stadt und dem Umland sowie Touristen anzöge. Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen finden sich Zahlen von 2006, die von etwa drei Prozent der Bevölkerung ausgehen, die regelmäßig Kiffen. Für Berlin bedeutet das ca. 100.000 Personen (plus Touristen). Wenn jeder der konsumierenden Einwohner fünf Gramm Cannabis (10 bis 20 Joints, je nach Dosis) pro Jahr genießen würde, würde das einen Berliner Jahresverbrauch von 500 Kilogramm bedeuten, knapp 1,5 Kilo pro Tag.
Eine Lösung wäre, wenn im Gesamtgebiet um den Görlitzer Park rauschstarke Cannabisprodukte verkauft werden dürften. Dem Tourismus, dem Einzelhandel und Gastronomiebetrieben wäre das zuträglich. Die Anwohner allerdings würde das nicht wirklich entlasten. Wer einmal in Amsterdam durch die einschlägigen Gassen gegangen ist, kann sich ausmalen, auf was für eine Art Disneyland das hinauslaufen könnte.
Letztlich müsste der Modellversuch im ganzen Land Berlin laufen, damit nicht ein Kiez alleine von Konsumenten aus der gesamten Stadt sowie Drogentouristen überschwemmt würde.
Ein Vorteil für das Land Berlin wären zusätzliche Steuereinnahmen. Womit wir bei der Bepreisung wären; ein Laden, der legal Drogen verkaufen kann, könnte durch den direkt Einkauf beim Großhändler eigentlich günstiger sein als jeder Straßendealer, der am Ende einer Vertriebskette steht. Doch schlägt man eine Besteuerung drauf, könne man die etablierte Preisspanne von etwa acht bis zehn Euro pro Gramm beibehalten. Bei 500 Kilogramm verkauftem Cannabis könnt das im Jahr eine Millionensumme an Steuereinnahmen bedeuten. Die aber z.B. gegen Kosten für Qualitätskontrollen und Drogenprävention gerechnet werden müssten. Doch auf der anderen Seite würden wiederum Polizei, Justiz und Verwaltung entlastet.
Bliebe die Frage des Großhandels. Woher soll der Stoff kommen? Für Berlin wäre das naheliegende ein Gewächshausanbau im umliegenden Brandenburg. Einige landwirtschaftliche Betriebe könnten so ein millionenschweres Zubrot erzielen. Solch eine länderübergreifende Initiative würde das Ganze aber noch mehr komplizieren, weil nur der Anbau von THC-armen Hanf legal ist.
Das sind selbstverständlich nur Gedankenspiele. Die hierzulande fehl am Platz wirken; unter der jetzigen SPD/CDU-Landesregierung und Bundesregierung kaum durchsetzbar; von den internationalen Drogenkonventionen ganz abgesehen. Doch das muss nicht immer so bleiben: In den US-Bundestaaten Colorado und Washington State geht es derzeit genau um solche Fragen. Entgegen Bundesrecht ist in diesen Staaten seit Anfang des Jahres nicht nur der medizinische Gebrauch von Cannabis legal, sondern auch der zum Genuss (allerdings nicht in der Öffentlichkeit). Parallel zur Präsidentenwahl im vergangenen Herbst war darüber abgestimmt worden. Derzeit wird etwa in Seattle verhandelt, wie der legale Verkauf von Cannabis von statten gehen soll. Vielleicht wird das Verfahren dort mal zu einer Blaupause für Berlin.
Auch wenn er kaum Aussichten auf Erfolg hat: Der Ruf nach einem Coffeeshop am Görlitzer Park bleibt richtig. Er zeigt auf, dass es Alternativen zu einem absurden Dogma unser Gesellschaft braucht: Der Drogenprohibition.

Zuerst erschienen auf spreeblick.com

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