kr-screenshots_ausschnitt

  1. Präsentation
  2. Team & Themen
  3. Webtechnologie
  4. Bezahlverfahren
  5. Informationspolitik

[Update, 14.05.2014: Es gibt ein Blog bei Krautreporter, dort werden div. Fragen beantwortet]
Gleich heute morgen habe ich das Abo für 60 Euro bei Krautreporter abgeschlossen; ehrlich gesagt auch deswegen mit leichtem Herzen, weil ich es für nicht unwahrscheinlich halte, dass das Crowdfunding scheitert. Ich habe es aber unterstützt, weil ich mir wünschen würde, dass so eine Art Vorhaben gelingt, auch wenn mich das konkrete Beispiel wenig begeistert.
Vergangenen Sonntag hatte ich schon über mögliche Gründe für das Gelingen bzw. Scheitern geschrieben; hier folgen jetzt fünf Aspekte, warum ich unterwältigt bin:
1. Präsentation
Das Ganze wirkt etwas lieblos. Das Design der Website ist schlicht bzw. minimal, aber es fehlt offensichtlich der Touch eines Designers, es wirkt etwas grobschlächtig. Zu finden sind ein zentrales Video und dann noch einmal 28 für jedes einzelne Teammitglied. Also viele „Talking Heads“, etwa 60 Minuten zum Anschauen. Ob die Fahrstuhlmusik hinter dem zentralen Promovideo sein muss, nur weil Apple & Co auch immer so Musik haben, ist wohl Geschmacksache. Aber wie wäre es mit einer originellen Idee gewesen, in dem Video etwas anders zu machen, als ein paar Leute aus dem Team beim Reden aus ein paar Perspektiven zu zeigen?
Weder erfährt man in der schriftlichen Beschreibung auf der Website, wann es eigentlich los gehen soll, falls es klappt – noch wofür das Geld ausgegeben wird. Wie genau wird das im Web laufen, gibt es Apps usw. usf.? Und wenn man im FAQ seinen Namen für erklärungswürdig hält, dann kann der so gut nicht sein bzw. man ist selbst nicht davon überzeugt.
Erstes Fazit: Das Produkt und Projekt bleibt etwas nebulös.

2. Team & Themen
28 Personen, davon 6 Frauen. Migrationshintergrund scheint bei ihnen rar zu sein; neben den drei Männern als Herausgeber, Geschäftsführer und Chefredakteur finden sich bei den einzelnen Leuten folgende Themen bzw. Bezeichnungen:
Gesellschaft
Gesellschaft & Ernährung
Wissenschaft
Sport & Reportagen
Feminismus & Kultur
New York & Tech
Pop & Netzkultur
Auslandsreporter
Kultur & Gesellschaft (2 Mal)
Politik & Kultur
Politik
Gesellschaft
Medien
Hollywood & Silicon Valley
Medien & Handel
Gesellschaft
Afrika
Filmemacher & Fotograf
IT & Start-ups
Politik & Soziales
ohne Angabe
Sportpolitik
Reporter
Sicherheits- und Verteidigungspolitik
Wäre es nicht eine Idee gewesen, von jedem Teammitglied eine Arbeitsprobe vorzulegen? Ich persönlich habe von den meisten aus dem Team weder vorher etwas gehört noch gelesen/gesehen. Das muss nichts heißen, aber aus dem Gerede in den Videos erfahre ich ja nichts über deren Können. Muss ich mir also selber zusammensuchen.
Der Themen-/Ressortmix könnte so auch von der taz oder Zeit Online stammen. Für den Kontinent Afrika gibt es eine Person; für Europa, Asien, Südamerika, weite Teile von Nordamerika usw. gibt es einen Auslandsreporter. Schwerpunkte auf Themen wie Bildung, Finanzen, Arbeit oder Energie setzt offenbar niemand. Das Stichwort „investigativ“ scheint auch wenig wichtig zu sein. Ich hätte mir ja mehr „Diversität“ gewünscht, auch ein paar mehr „Fachidioten“, die sich in bestimmten Bereichen richtig gut auskennen; gerne auch ein paar ungewöhnliche Aspekte im Mix oder „exotische“ Autoren.
Wird es nur Texte geben? Oder auch Fotos, Videos, Infografiken, Webdokus und interaktive Visualisierungen? Wird es eine Community-Redaktion geben, wer kümmert sich um die Webtechnik – erfährt man nicht oder nur ganz am Rande.
Sprich: Insgesamt wirkt es sehr weiß, deutsch und bildungsbürgerlich. Was genau dem „kaputten Online-Journalismus“ entgegengesetzt werden soll, erschließt sich mir nicht. Mir ist so, als ob es die von Krautreporter angestrebte Form des Journalismus doch recht viel – auch gut – im Netz gibt (vor allem auch auf Englisch). Neugierig macht mich das alles jedenfalls nicht.
3. Webtechnologie
Eine Unternehmung, die im Vorschuss eine Menge Geld verlangt und sich nicht darauf vorbereitet, am ersten Tag – dem mit einer zu erwartenden hohen Aufmerksamkeit – genug Serverkapazitäten vorzuhalten, wirkt halbherzig. Auch scheint es einige Probleme auf mobilen Geräten zu geben, auch beim Bezahlen. Wurde nicht getestet?
Die Grafik mit Mock-ups der Website mit Lorem-Ipsum-Blindtext zeigt nur Apple-Geräte. Gibt es nicht mehr zu präsentieren?
Warum soll ich jemanden Geld geben, der starke Worte über Online-Journalismus verliert, aber sich nicht der Technologie des Trägermediums widmet? Beim Vorbild De Correspondent wurde in der Crowdfunding-Kampagne den Themen Webtechnologie und Design deutlich mehr Platz eingeräumt. Das hätte ich mir hier auch gewünscht.
4. Bezahlverfahren
Es wird als Bezahloption nur die Kreditkarte angeboten. Das erstaunt, weil aus verschiedenen Gründen damit Leute ausgeschlossen bzw. abgeschreckt werden. Das Bezahlverfahren ist die große Hürde, hier muss unbedingt Transparenz und Vertrauen hergestellt werden – sonst steigen viele Leute aus. Warum werde ich auf „sparker.de“ weitergeleitet (Ist das der Nachfolger von der Krautreporter-Plattform?). Es wird nicht erklärt.
Insgesamt ein Kardinalfehler, der letztlich mit zum Scheitern der Kampagne beitragen könnte.
5. Informationspolitik
Warum muss ich Interviews mit den Initiatoren oder Blogbeiträge von den Teammitgliedern lesen, um mehr über das Projekt zu erfahren, für das ich 60 Euro vorstrecken soll? Klar muss für Aufmerksamkeit gesorgt, Buzz erzeugt werden. Aber sollte ich, der potentielle Abonnent, nicht am meisten umworben und am besten informiert werden? Und zwar dort, wo ich dann auch zahlen soll.
Schluss
Es wird sich zeigen, ob das Krautreporter-Magazin erfolgreich finanziert wird. Morgen ist das Thema in den Sozialen Medien durchgenudelt und in ein paar Tagen sind auch die Beiträge darüber in den Print- und Rundfunkmedien durch. Dann kommt die Mühe der Aufmerksamkeitsebene. Ich bin skeptisch, ob es jenseits der Filterblase gelingt, die 15.000 Abonnenten zusammenzubekommen.
Insgesamt ist es erstaunlich, dass das Crowdfunding für das Krautreporter-Magazin recht schlecht vorbereitet wirkt. Weil erfahrene Personen daran beteiligt sind. Hätte sich nicht ein Best-Practice aus den Dutzenden erfolgreichen gelaufenen Fundings auf Krautreporter, geschweige denn bei Kickstarter oder eben bei De Correspondent ableiten lassen?
Trotzdem wünsche ich Krautreporter Erfolg. Aber nur weil ich die Idee gut finde – aber nicht das vorliegende Konzept.
[Update 14.05.2014: Unten kommentiert Rico Grimm aus dem Krautreporter-Team]
[Zuerst auf datenjournalist.de erschienen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.