In den USA startet ein zweiter Bundesstaat den legalen Verkauf von Cannabis. Und in Deutschland? Fehlt die Stimme des Soziologen Günter Amendt
in: Der Freitag, 3.7.2014
Die neueste Episode in dieser an Absurditäten nicht armen Geschichte: In diesen Tagen werden im Mutterland des Kriegs gegen Drogen, in Seattle und anderen Städten von Washington State, die ersten legalen Cannabisläden eröffnet. Damit beginnt in einem zweiten US-Bundesstaat eine neue Ära. Bereits seit Anfang dieses Jahres kann in Colorado legal Marihuana erworben werden. Und im kommenden November wird in Alaska über eine Legalisierung von Cannabis abgestimmt, in anderen Bundesstaaten arbeiten Initiativen auf das gleiche Ziel hin.
Diese Indizien für eine Zeitenwende dürften der wesentliche Grund für den Rotpunktverlag gewesen sein, eine Sammlung von Aufsätzen des Soziologen Günter Amendt zu veröffentlichen. Amendt war einer der profiliertesten und kenntnisreichsten Kritiker der herrschenden Drogenpolitik. Vor gut drei Jahren wurde er in Hamburg von einem Auto totgefahren, seine Stimme fehlt seitdem. Der Schweizer Verlag reagiert aber nicht nur auf weltweite Entwicklungen, wie die Legalisierung von Cannabis in Uruguay, die jüngste Lockerung der Kriminalisierung von Marihuana auf Jamaica oder den Ruf des ehemaligen UN-Präsidenten Kofi Annan nach einem Ende der Prohibition.
Denn auch in der Schweiz erlebt die Debatte über eine Legalisierung eine Renaissance. In Genf und Bern wird über die Einführung von Clubmodellen, in denen registrierte Erwachsene Cannabis kaufen können, anhaltend debattiert. Im spanischen Barcelona gibt es von derlei Clubs schon gut 250.
Immer kontraproduktiv
Die 15 Vorträge, die in dem Buch Legalisieren! versammelt sind, widmen sich der ganzen Bandbreite der Drogenpolitik: Vom Alltagsdoping mit legalen Drogen und Medikamenten über die Geschichte des Kriegs gegen die Drogen und die Vorgänge in Südamerika und Asien bis hin zu den Interessen der Pharmaindustrie. Ergänzend ist eine Audio-CD mit einem 45-minütigen Vortrag von Amendt beigelegt.
Nur in dem Beitrag anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, spricht Amendt von sich selbst. Der 1939 in Frankfurt am Main Geborene habe noch nie so ausführlich über seinen eigenen Konsum berichtet, sagt er eingangs, weil er es für unfair hielte, die eigene Drogenerfahrung in der Debatte auszuspielen.
Doch angesichts der vielen „Fachleute“, die von „nichts eine Ahnung haben“, sei „der Hinweis auf eigene Erfahrungen oft die letzte Chance, die teilweise aberwitzigen Vorstellungen über die Wirkung und die Risiken einer bestimmten Substanz zu korrigieren beziehungsweise zu relativieren“.
Er habe sich immer von allem „psychedelischen Brimborium“ ferngehalten, sagt Amendt. Über seine Erfahrungen mit halluzinogenen Drogen in den 60er Jahren berichtet er: Sie hätten „seinen Blick geschärft“ und seine „Wahrnehmung sensibilisiert“. „Sie haben mir sinnlich erfahrbar gemacht, was mir analytisches Denken schon lange vorher bewusst gemacht hatte: Es gibt mehr als nur eine Realität und folglich auch mehr als nur eine Wahrheit.“
In der Tat übt Amendt einen differenzierten Blick in seinen Beiträgen: Dabei ist er kein Apologet des Drogenkonsums, wägt ab und versucht nüchtern zu verstehen und zu beschreiben – kann sich aber den Sarkasmus manchmal nicht verkneifen. Für eine „Ego-Droge“ wie Kokain hat er wenig Sympathie übrig. Letzten Endes ist er ein Mahner, der immer wieder darauf hinweist, dass die herrschende Drogenpolitik ein Irrweg und kontraproduktiv ist.
Symptomatisch ist, dass die im Buch chronologisch abgedruckten Vorträge von Amendt, die aus dem Zeitraum von 1992 bis 2009 stammen, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Seit über 20 Jahren verweigern SPD und CDU/CSU eben anhaltend den Diskurs. Es ist, als ob man sich hinsichtlich der Drogenpolitik in einer Zeitschleife befände – an der Sachlage und den Argumenten hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Das war erst Anfang Juni wieder einmal zu beobachten, als im Bundestag über einen gemeinsamen Antrag von Die Linke und B90/Die Grünen debattiert wurde (der dann in einen Ausschuss überwiesen wurde). Sie forderten, dass der Bundestag die Bundesregierung beauftragen solle, „eine externe wissenschaftliche Evaluierung der Verbotspolitik für illegalisierte Betäubungsmittel zu initiieren“.
Die beiden Parteien hatten die Resolution des Schildower Kreises zum Anlass genommen. Sie wurde Anfang dieses Jahres von über 120 Strafrechtsprofessoren – etwa die Hälfte aller Hochschullehrer in diesem Bereich in Deutschland – unterzeichnet. Mit ihrer Unterschrift forderten sie den Bundestag zur Einsetzung einer Enquete-Kommission auf. „Sowohl aus strafrechtswissenschaftlicher Sicht als auch aufgrund empirischer Forschungsergebnisse besteht die dringende Notwendigkeit, die Geeignetheit, Erforderlichkeit und normative Angemessenheit des Betäubungsmittelstrafrechts zu überprüfen und gegebenenfalls Vorschläge zu Gesetzesänderungen aus solcher Evaluation abzuleiten.“
Davon unbeeindruckt, unterstellte der SPD-Politiker Burkhard Blinkert in beredter Unlogik den beiden Oppositionsparteien, „kurzfristig Punkte machen zu wollen“, weil „mit der Einsetzung einer derart umfangreichen Expertengruppe“ kaum noch in dieser Legislaturperiode Ergebnisse zu erwarten seien.
Frei von Wissen
Für das Aufwärmen der ewig gleichen Argumente stand die CSU-Politikerin Emmi Zeulner. Die herrschende Drogenpolitik würde doch funktionieren und überhaupt sei das Ansinnen der Linken und der Grünen ein „Wolf im Schafspelz“, mit dem eine Legalisierung von allen Drogen herbeigeführt werden solle. Die Bundestagsabgeordnete Zeulner scheint noch nie in einer Großstadt am Wochenende ausgegangen zu sein, denn sie fragte: „Wollen Sie ernsthaft eine Situation wie in Portugal? In Portugal findet der Konsum von Kokain, Ecstasy und Amphetaminen aufgrund der liberalen Drogenpolitik in aller Öffentlichkeit, zum Beispiel in Diskotheken statt.“
Über solche Aussagen, die frei von Wissen über die Alltagsrealität von Millionen Menschen in Deutschland zu sein scheinen, mag man verzweifeln. Doch sind Bundestagsabgeordnete eben auch nur Abbild der Gesellschaft. Und dort ist es eben in weiten Teilen üblich, Alkohol, Nikotin und Medikamente nicht als Drogen zu begreifen. Die willkürliche Trennung in legale und illegale Drogen ist weitgehend verinnerlicht und wird nicht hinterfragt. Eine aufgeklärte Debatte findet nur in Fachzirkeln, im einigen Kreisen von Aktivisten und nur in Ausnahmen in Medien statt. Letztere reproduzieren aber in der Regel Klischees und Tabus, sind fasziniert von der Ekstase, zelebrieren den Rausch, weiden sich an der Sucht und urteilen über Abhängigkeiten.
Der maßgebliche Grund für die Abwesenheit einer breiten gesellschaftlichen Debatte über Drogen dürfte in Deutschland folgender sein: Der Drogenmarkt funktioniert nahezu reibungslos, und von Repression ist nur ein Bruchteil der Konsumenten betroffen – vornehmlich aber die Händler. Das Gros der Nutzer illegalisierter Drogen kommt an seinen Stoff, pflegt einen halbwegs unproblematischen und genussvollen Umgang damit oder fällt zumindest im Alltag damit nicht allzu sehr auf. Letztlich haben sich die meisten mit dem Status quo abgefunden und arrangiert. Insofern bekommt die hiesige Gesellschaft die Drogenpolitik, die sie lebt.
Link zum Text bei Der Freitag.

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